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Über die Identität

  • Autorenbild:  Jan Seeger
    Jan Seeger
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Über die Identität

Wenn wir als Menschen unsere Identität beschreiben sollen, stehen wir fast immer vor derselben Herausforderung: Wir versuchen, ein Bild von uns zu gestalten. Ein Bild davon, wie wir uns selbst sehen – und wie wir möchten, dass andere uns sehen.


Wir erschaffen dabei fast zwangsläufig ein Idealbild, denn wir wollen uns von unserer besten Seite zeigen.

Ob im Bewerbungsgespräch oder beim ersten Date – vieles davon ist ein kleiner Exzess unseres Selbst. Eine Gelegenheit, ein möglichst perfektes Bild nach außen zu tragen und den Eindruck anderer so positiv wie möglich zu beeinflussen.

Doch frage dich selbst:Wenn du einen Menschen zum ersten Mal triffst – was würdest du ihm wirklich erzählen?


Nimm dir einen Moment Zeit und fühle in dich hinein. Was würdest du von dir preisgeben?

Die meisten von uns betonen zuerst ihre stärksten Seiten: „Ich bin Leistungssportler“, „Ich bin Unternehmer, ich habe zwanzig Firmen gegründet.“Doch das, was wir dabei teilen, ist selten unser wahres Selbst – sondern nur die äußere Form unseres Lebens.

Bist du Unternehmer? Dann beschreibst du mit dieser Aussage vor allem deine Tätigkeit.Doch ist das wirklich alles, was dich ausmacht?Bist du nur das, was du tust oder erreicht hast?

Natürlich teilen wir auf dieser Ebene einen Teil unseres Weges. Doch die tiefere Ebene – das, was unter der Oberfläche liegt – geht dabei oft verloren, begraben unter all den Identifikationen, die wir uns selbst zuschreiben:

„Ich bin Unternehmer.“„Ich bin der Beste in meinem Bereich.“„Ich bin ein guter Mensch.“

Das ist alles nicht falsch. Es ist wertvoll, wenn ein Mensch eine Aufgabe im Leben hat und sie mit Hingabe erfüllt. Doch die Identifikation damit kann uns entfremden – von uns selbst.

Jeder Mensch darf und soll eine Aufgabe haben. Doch wenn du dich mit ihr gleichsetzt, verpasst du das eigentliche Leben.

Eine harte Aussage – ich weiß.Aber was meine ich damit?

Wenn du dich nur über das definierst, was du tust, formst du ein Bild, das du für wertvoll hältst.Doch warum empfindest du genau dieses Bild als gut?

Ich nehme gern das Beispiel des Unternehmers, weil viele in dieser Welt ihren Wert im „Mehr“ suchen – mehr Erfolg, mehr Besitz, mehr Anerkennung.

Doch was geschieht dabei wirklich?

Stell dir vor, du hast in dir eine Ebene entwickelt, die du als „dich selbst“ wahrnimmst. Als Kind warst du ohne Gedanken, ohne Ideale, ohne Illusionen. Du hast deine Gefühle frei ausgedrückt – durch Schreien oder Lachen. Und damit hast du Aufmerksamkeit bekommen: Fürsorge, Nähe, Zuwendung – oder, im anderen Fall, Ärger, Frustration, Ablehnung.


Doch eines hast du damals gelernt: wie man Aufmerksamkeit bekommt.

Ob positiv oder negativ – jemand war da. Und das war entscheidend.

Wenn du heute ein Kind siehst, das provoziert, schlägt oder auffällig wird, erkennst du darin denselben Mechanismus: Aufmerksamkeit um jeden Preis. Denn für uns Menschen ist Aufmerksamkeit oft gleichbedeutend mit Liebe.

Jemand hört dir zu – du fühlst dich gesehen.Jemand freut sich, dich zu sehen – du fühlst dich geliebt. Jemand stimmt dir zu – du fühlst dich verbunden.

Doch ebenso das Gegenteil:

Jemand hört dir nicht zu – du fühlst dich verletzt. Jemand gibt dir nicht, was du willst – du wirst wütend. Jemand lehnt dich ab – du gehst in Abwehr.

Auch das ist Aufmerksamkeit – nur in einer Form, die selten Gutes hervorbringt, aber uns trotzdem genügt. Denn sie bestätigt: Ich bin da.

Durch diese Erfahrungen entstehen die ersten Schichten unseres Ichs. Wir lernen, wie wir Aufmerksamkeit – und damit Liebe – bekommen. Und genau hier beginnt unsere „Identität“.

Wir formen aus reiner Seele ein Selbstbild. Aus einem natürlichen, unbeschwerten Wesen wird ein Mensch, der lernt, wie er „sein muss“, um gesehen zu werden. So entsteht unser Ich – und zugleich die erste Trennung von unserer Seele.

Unsere Identität bildet sich auf dieser mentalen Ebene – manche nennen sie Ego. Solange wir nach einer Aufmerksamkeit suchen, die wir uns selbst nie gegeben haben, leben wir in einem ständigen Hunger nach Anerkennung und nach Liebe.

Anerkennung ist jedoch oft nichts anderes als das Echo gelernter Erwartungen. Wir finden uns in Rollen wie „Ich bin Unternehmer mit 20 Firmen“, weil die Gesellschaft uns dafür lobt – also liebt. Und wir beurteilen die Größe oder den Erfolg anderer als ideal, weil wir unsere eigenen Möglichkeiten noch nicht erfahren haben und uns nicht zutrauen.

So verwechseln wir Anerkennung mit Identität – und Existenz mit Bestätigung.


Wir wissen irgendwann nicht mehr, wer wir sind, weil wir unsere Seele in der Welt verloren haben. Doch wir können sie wiederfinden – wenn wir es zulassen.

Eine kleine Wortspielerei macht es deutlich:

Wenn wir zulassen,uns sein lassenund gelassen das Gehen loslassen,kommt die Seele zum Vorschein.


Merkst du etwas?

Lass es.

Loslassen.

Sein-lassen.

Zulassen.


Lass es einfach mal so sein, wie es jetzt gerade ist.Schwer, oder?

Viele Menschen sagen mir, wenn ich ihnen Meditation empfehle: „Ich kann das nicht, ich habe zu viele Gedanken.“

Natürlich. Denn wenn wir aufhören, unsere Aufmerksamkeit ständig nach außen zu tragen – um Anerkennung zu suchen oder unsere Energie für andere zu verbrauchen –, dann werden wir mit uns selbst konfrontiert.

All die Gedanken, die uns den ganzen Tag beschäftigen, kreisen unaufhörlich in unserem Geist. Doch sie fordern ihren Preis: unser Erleben des Lebens.

Wir sind sehr gut darin geworden, unsere Aufmerksamkeit überall hin zu richten – nur nicht zu uns selbst. Morgens die ersten Nachrichten, Shorts, Zeitungen. Auf dem Weg Arbeit: Radio, Musik, wieder Input. Auf der Arbeit: volle Aufmerksamkeit nach außen, acht Stunden am Stück. Danach Podcast, Nachrichten, weitere Ablenkung. Zu Hause: Haushalt, Versorgung der Liebsten – Leistung, Leistung, Leistung.

Und am Abend? Noch ein Krimi, noch etwas Drama, noch ein wenig Betäubung – und Schlaf. Am nächsten Tag: Repeat.

Vielleicht spürst du schon, dass all das darauf basiert, möglichst wenig mit sich selbst zu tun zu haben. Wir sind Meister des Vermeidens geworden.

Wir vermeiden uns selbst. Wir vermeiden das Leben.

Vielleicht triggert dich das. Vielleicht fragst du dich gerade, ob das wirklich der Sinn deines Lebens sein kann.Und tief in uns wissen wir es:So fühlt sich Leben nicht an.

Er-lebt heißt zu leben.

Wenn wir beginnen, unsere Aufmerksamkeit wieder in uns selbst zu investieren, dann kommen wir zu uns selbst zurück. Die sogenannten „Suchenden“ – egal ob in Lehren, Ideologien oder bei den Freimaurern – suchen letztlich alle dasselbe: das Leben. Den Sinn des Lebens. Und dieser offenbart sich nur auf einem Weg: dem Weg zu dir selbst.

Indem du wieder beginnst, mit dir selbst allein zu sein – mit deinen Bedürfnissen, deinen Sehnsüchten, den Kräften deiner Seele.

Du kannst vor dir selbst davonlaufen, aber das, wovor du wegrennst, klebt dir so hart am Arsch, dass es dich immer wieder einholt – so lange, bis du dich anerkennst und dich selbst findest. Danach fällt vieles ab – und das ursprüngliche, reine Erleben des Lebens kommt zum Vorschein.


Ich schließe diesen Beitrag mit einer Frage und einer Antwort:

Was will deine Seele?

Sie will scheinen.Sie will lebendig sein. Sie will das Leben erfahren – bewusst und in seiner reinsten Form.


Gib ihr den Raum, und sie wird dir alles geben, was ein wirkliches Leben hervorbringt.

Vertraue ihr. Denn sie weiß alles – lange bevor du es weißt.

AutorJan Seeger

 
 
 

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