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Bewusstsein und Authentizität

  • Autorenbild:  Jan Seeger
    Jan Seeger
  • vor 21 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Bewusstsein ist für mich die einzige Wahrheit, die nach allem übrig geblieben ist, nachdem Religionen, Ideologien, spirituelle Konzepte, okkulte Erklärungen und alle anderen Wahrheitsansprüche für mich ihren Absolutheitsanspruch verloren haben.

Alles andere ist Wissen, und Wissen entsteht immer aus individueller Wahrnehmung, Erfahrung und der verknüpfenden Tätigkeit des Verstandes.


Bewusstsein selbst ist nicht gebunden an Wissen, sondern existiert unabhängig davon als reines Erleben oder als Leben aus reiner Existenz.


Bewusstsein ist weder ein Konzept noch ein Ideal, sondern reines Dasein.

Dieses Dasein findet ausschließlich im Hier und Jetzt statt, ohne Bewertung, ohne gedankliche Konstrukte und ohne Identifikation mit dem, was erlebt wird.

Identifikation erzeugt Bindung, und Bindung verengt Wahrnehmung, während Nicht-Identifikation Klarheit ermöglicht, ohne dass etwas abgelehnt werden muss.

Der Satz „selig sind die, die reinen Herzens sind“ beschreibt für mich keinen moralischen Zustand, sondern einen inneren Zustand von Ungebundenheit.


Reines Herz bedeutet für mich, nicht an Rollen, Meinungen, Ideologien, materiellen Dingen oder spirituellen Bildern festzuhalten.

Wenn Bewusstsein präsent ist, wird das eigene innere Erleben unmittelbar spürbar, ohne dass es analysiert oder interpretiert werden muss.

In diesem Zustand beginnt sich auch das Unterbewusstsein zu zeigen, jedoch nicht vollständig und nicht auf einmal.

Das Unterbewusstsein enthält Erfahrungen, Erinnerungen, Traumata, energetische Prägungen und karmische Muster, die aus Gründen der Selbstregulation nicht gleichzeitig ins Bewusstsein treten können.

Dieser Schutzmechanismus ist notwendig, weil eine vollständige gleichzeitige Konfrontation mit allen gespeicherten Inhalten das System überfordern würde.

Trotzdem bestimmt das Unterbewusstsein einen großen Teil unseres Lebens, einschließlich unserer Reaktionen, Beziehungen und Entscheidungen.

Man kann das Unterbewusstsein als steuernde Instanz betrachten, während Bewusstsein das wahrnehmende Erleben ermöglicht.


Bewusstsein erlebt, während das Unterbewusstsein wirkt.

Bewusstheit bedeutet nicht, das Unterbewusstsein zu kontrollieren oder zu verändern, sondern präsent zu bleiben, während sich Inhalte in einem tragbaren Tempo zeigen.

Identifikation ist dabei nicht grundsätzlich falsch, aber sie ist keine Voraussetzung für Klarheit oder inneres Gleichgewicht.


Was notwendig ist, ist Selbstwahrnehmung, nicht Selbstdefinition.

Bewusstsein entsteht nicht durch Anstrengung, sondern durch das Weglassen von Anhaftung.

Je weniger Bindung an innere und äußere Konstrukte besteht, desto klarer wird das Erleben.

Vielleicht liegt die eigentliche Frage deshalb nicht darin, wer wir sind, sondern darin, wer wir wären, wenn wir nichts sein müssten.


Unterhalb von Identifikation gibt es für mich noch etwas anderes, und das ist das Selbst. Das Selbst ist das, was übrig bleibt, wenn alle Rollen, Selbstbilder, Zuschreibungen und Vorstellungen davon, wer man meint zu sein, wegfallen. Es ist nicht das Bild von mir, nicht die Geschichte über mich, sondern das, was bleibt, wenn sich dieses Bild auflöst.


Wenn das Selbstbild wegfällt, bleibt das Selbst, und wenn dieses Selbst bewusst

erlebt wird, entsteht aus meiner Erfahrung heraus ein sehr direkter Zustand von Handeln.


Ich muss mir dann nichts mehr überlegen, nichts mehr innerlich abgleichen oder bewerten, sondern ich handle einfach aus dem Moment heraus so, wie es sich gerade richtig anfühlt. Das zeigt sich besonders deutlich in Gesprächen, vor allem dann, wenn es um schwierige oder sensible Themen geht, also dort, wo man Menschen hilft, sie begleitet oder ihnen etwas bewusst machen darf. In solchen Momenten entsteht kein inneres Planen mehr, sondern eine Natürlichkeit, ein Flow, der nichts mit Technik oder Übung zu tun hat, sondern damit, dass kein Bild von mir selbst mehr im Weg steht.


Es ist dann einfach ein echtes Gespräch, direkt von Mensch zu Mensch, ohne Rolle, ohne Strategie, ohne Maske. Genau das fühlt sich lebendig an, und genau das ist es auch. Wenn man nicht mehr versucht, jemand Bestimmtes zu sein, sondern einfach da ist, entsteht Authentizität ganz von selbst. Man kann versuchen, das mit Worten zu beschreiben, aber eigentlich wird es gespürt, nicht verstanden. Dieses Echtsein, dieses Lebendigsein, nehmen andere Menschen sehr deutlich wahr, nicht weil man etwas ausstrahlen will, sondern weil nichts mehr verdeckt oder gespielt wird.


Zum Thema Wissen ist mir dabei wichtig zu sagen, dass ich dir sehr wohl Wissen teile, aber niemals mit dem Anspruch, eine endgültige Wahrheit zu besitzen. Es sind meine Perspektiven, meine Erfahrungen und meine Modelle, die mir helfen, eine Art innere Landkarte zu haben, vor allem im Hinblick auf gesellschaftliche und zwischenmenschliche Themen. Ähnlich wie ein Arzt versucht, anhand von Symptomen eine Diagnose zu stellen, um Zusammenhänge besser zu verstehen, versuche ich Dynamiken zu erkennen, um nachvollziehen zu können, warum Menschen sich so verhalten, wie sie sich verhalten, und warum bestimmte Muster immer wieder auftreten.


Dieses Wissen dient mir nicht dazu, Recht zu haben, sondern um Zusammenhänge zu verstehen und dadurch Menschen besser begleiten und unterstützen zu können. Es bleibt ein Werkzeug, kein Dogma, keine Identität. Bewusstsein steht für mich über all dem, weil Bewusstsein keine Erklärung braucht und keinen Anspruch erhebt, sondern einfach da ist.


Vielleicht kann man sich selbst einmal ganz ehrlich ein paar Fragen stellen, ohne sie sofort beantworten zu wollen. Wer bin ich eigentlich, wenn ich keine Rolle mehr spielen muss? Nicht die Rolle als Firmeninhaber, nicht die Rolle als Partner, nicht die Rolle als derjenige, der etwas darstellen oder erfüllen soll, sondern wer bleibt übrig, wenn dieses ständige „Ich bin dies“ oder „Ich bin das“ wegfällt. Was bleibt, wenn man sich nicht mehr über Zuschreibungen definiert, sondern einfach nur da ist.


Eine weitere Frage ist. Was passiert, wenn man einmal keine Gedanken mehr hat? Nicht im Sinne von Unterdrücken oder Wegdrücken, sondern indem man es einfach ausprobiert. Für einen Moment nichts denkt und nur wahrnimmt. Was geschieht dann eigentlich. Wer nimmt in diesem Moment wahr. Wer sieht. Wer beobachtet das, was normalerweise als Gedanke auftaucht. Wer ist derjenige, der bemerkt, dass Gedanken kommen und gehen.


In der Meditation lässt sich das sehr direkt erfahren, wenn man aufhört zu suchen und aufhört zu kontrollieren. Es geht dort nicht darum, etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern darum, loszulassen. In dem Moment, in dem man nicht mehr versucht, etwas zu finden, zeigt sich oft sehr schnell, dass da etwas ist, das wahrnimmt, auch wenn gerade nichts gedacht wird. Diese Wahrnehmung braucht keinen Inhalt, um da zu sein.


Eine weitere ehrliche Frage ist. Was im eigenen Leben eigentlich Leiden erzeugt? Nicht oberflächlich, sondern wirklich. Wenn man hinschaut, landet man fast immer bei Identifikation. Bei dem Festhalten an einem Bild von sich selbst, an einer Rolle, an einer Vorstellung davon, wie man zu sein hat oder wie man gesehen werden möchte. Aus dieser Identifikation entsteht Anhaftung, und aus Anhaftung entsteht Angst. Angst, etwas zu verlieren, Angst, nicht mehr zu genügen, Angst, dass jemand hinter die Fassade blickt.


Sehr oft geht es dabei gar nicht darum, etwas zu verlieren, sondern darum, dass jemand das eigene Bild durchschauen könnte. Dass jemand sieht, was darunter liegt. Die Maske. Die Schutzschicht. Die Mauer, die man sich aufgebaut hat, um nicht verletzlich zu sein. Das ist kein Vorwurf, sondern ein menschlicher Mechanismus.

Man kann das auch als Spiegel im Außen sehen. Wenn Menschen sich stark über ihr äußeres Erscheinungsbild definieren, wenn sehr viel kaschiert, verdeckt oder überdeckt wird, dann geht es oft weniger um Schönheit als um Schutz. Nicht, weil etwas falsch ist, sondern weil darunter etwas ist, das man nicht zeigen will oder nicht zeigen kann. Das ist kein Angriff, sondern ein Bild dafür, wie Identifikation funktioniert.


Je mehr wir uns mit einem Bild identifizieren, desto größer wird die Angst, dieses Bild zu verlieren oder entlarvt zu werden. Je weniger wir uns festhalten, desto weniger gibt es zu verteidigen. Und genau dort beginnt oft eine ganz andere Form von Ruhe.

Vielleicht liegt die Einladung nicht darin, etwas Neues zu werden, sondern darin, sich langsam von dem zu lösen, was man glaubt sein zu müssen. Nicht auf einmal, nicht radikal, sondern ehrlich. Schritt für Schritt. Mit der Frage im Hintergrund, wer man eigentlich ist, wenn nichts mehr gespielt werden muss.


Und weist du was. Dabei kommst nur du selbst heraus.

Am Ende bleibt nur das, was du bist.

Nicht mehr und nicht weniger.

 
 
 

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