Der Körper als Wahrheitsspeicher – Bewusstsein, Energie und Erinnerung
- Jan Seeger

- vor 1 Tag
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Der Körper ist kein neutrales Gefäß. Er ist ein Speicher. Ein Träger von Erfahrungen, Erinnerungen und Energie. Alles, was wir erlebt haben, alles, was wir nicht ausdrücken konnten, alles, was wir nicht verstehen oder verarbeiten konnten, hinterlässt Spuren – nicht nur im Geist, sondern im gesamten energetischen System des Menschen.
Durch unsere vergangenen Erfahrungen entwickeln wir kognitive Fähigkeiten, Verhaltensmuster und Eigenschaften. Ein Teil davon entsteht durch Erziehung, durch das, was uns beigebracht wurde, durch Anpassung und Überleben. Ein anderer Teil scheint tiefer zu liegen – als würden wir gewisse Anlagen bereits mitbringen. Betrachtet man den Menschen nicht nur biologisch, sondern auch energetisch, kann man von einer Inkarnation der Seele sprechen: einer Ansammlung von Erinnerung und Energie, die sich in intelligenter Form ausdrückt.
Man könnte sagen: Die Seele ist intelligente Erinnerung in Bewegung – Umsetzungskraft. Sie will erfahren, sich ausdrücken, sich entfalten. Und sie will lernen. Das, was oft als Karma bezeichnet wird, verstehe ich weniger als Strafe oder Schuld, sondern als Prinzip der Entsprechung: Erfahrungen wollen durchlebt, verstanden und integriert werden.
Wenn wir nun vom Körper als Wahrheitsspeicher sprechen, wird deutlich, dass sich bestimmte Themen im Körper festsetzen. Das findet man sowohl in spirituellen Lehren als auch in der Psychologie – etwa in Form psychosomatischer Symptome. Emotionen, die keinen Ausdruck finden, verschwinden nicht. Sie suchen sich andere Wege.

Dazu kommen kollektive Erfahrungen. Über Generationen hinweg haben wir durch Evolution, DNA und kulturelle Prägung nicht nur Fähigkeiten entwickelt, sondern auch Ängste, Schutzmechanismen und Überlebensstrategien übernommen. Unsere Menschlichkeit – mit all ihren Stärken und Schwächen – ist Teil dieses Erbes.
Aus energetischer Sicht hinterlassen Erfahrungen Abdrücke im Energiefeld des Menschen. In der Aura, die den Körper umgibt. Ich selbst habe diese einmal für einen Bruchteil einer Sekunde gesehen – völlig unerwartet, völlig ungeplant. Es wirkte absurd, fast irritierend, und hat mein Weltbild dennoch verändert. Ob man dieses Phänomen nun spirituell oder neurologisch erklären möchte, bleibt offen. Entscheidend ist: Es hat mir gezeigt, dass der Mensch mehr ist als das, was sichtbar und messbar erscheint.
Je emotionaler eine Erfahrung ist, desto tiefer prägt sie sich ein. Besonders in der Kindheit, wenn wir noch nicht die Fähigkeiten haben, mit intensiven Gefühlen umzugehen. In solchen Momenten greift ein intelligenter Selbstschutz. Die Psyche – oder die Seele – sagt gewissermaßen: Das ist zu viel. Das halte ich jetzt nicht aus. Also wird das Erlebte abgespalten, eingefroren, zur Seite gelegt.
Doch damit ist es nicht weg.
Stattdessen beginnt ein Prozess, in dem ähnliche Erfahrungen immer wieder auftauchen – zunächst in abgeschwächter Form. Kleine Verluste, kurze Trennungen, erste Zurückweisungen. Die Intelligenz dahinter scheint klar: Ich gebe dir eine Erfahrung, die du diesmal vielleicht halten kannst. Und mit jeder Wiederholung wächst die Fähigkeit, damit umzugehen.
So entsteht Weisheit. Nicht theoretisch, sondern erfahrungsbasiert.
Ein klassisches Beispiel ist die sogenannte Mutterwunde. Wenn ein Kind von der Mutter verlassen wird – emotional oder physisch – bleibt eine tiefe Spur zurück. Unsicherheit, Bindungsangst, Verlassenheitsgefühle. Solange diese Wunde unbewusst bleibt, wirkt sie weiter. Sie formt Beziehungen, Entscheidungen und Selbstbild.
Die Aufgabe besteht nicht darin, die Vergangenheit zu analysieren oder rational „abzuhaken“. Solange eine emotionale Ladung vorhanden ist, funktioniert das nicht. Es geht darum, sich dem Verdrängten zuzuwenden – dem Schatten. Den Anteilen in uns, die wir abgespalten haben, weil sie zu schmerzhaft waren.
Dieser Prozess ist nicht immer einfach. Manche Menschen finden ihren Weg über schamanische Arbeit, andere über therapeutische Begleitung, wieder andere über innere Arbeit, Meditation oder Körperarbeit. Entscheidend ist nicht die Methode, sondern die Bereitschaft, sich zu öffnen.
Was dabei geschieht, ist Integration. Die Energie, die abgespalten war – Trauer, Wut, Angst, Hass –, wird wieder aufgenommen. Nicht bekämpft, sondern angenommen. Und genau dadurch verliert sie ihre destruktive Kraft.
Solange diese Energie abgespalten bleibt, kostet sie Kraft. Sie bindet Aufmerksamkeit, erzeugt innere Spannung und wirkt wie ein permanenter Energieverlust. Das ist Karma: Energie, die so lange gebunden bleibt, bis sie bewusst gehalten werden kann.
Wird sie integriert, steht diese Energie wieder zur Verfügung. Als Präsenz, Klarheit, Umsetzungskraft. Und genau hier beginnt echte Entwicklung.
Betrachtet man diesen Prozess im Kontext der Maslow’schen Bedürfnispyramide, wird er besonders deutlich. Trauma und frühe Verletzungen sind fast immer mit Unsicherheit verbunden. Sicherheit, Vertrauen und Zugehörigkeit sind erschüttert. Erst wenn diese Ebenen integriert sind, wird Selbstverwirklichung überhaupt möglich.
Selbstverwirklichung bedeutet nicht, etwas „Großes“ zu werden. Sie bedeutet, das Eigene zu leben. Die eigenen Fähigkeiten, die eigene Wahrheit, die eigene Energie. Ohne ständig von alten Mustern zurückgezogen zu werden.
Erst wenn wir uns selbst erkennen – inklusive dessen, was wir verdrängt haben – entsteht Freiheit. Freiheit von Wiederholung. Freiheit von unbewusster Reinszenierung. Und aus dieser Freiheit heraus entsteht Weisheit als gelebte Erfahrung.
Der Körper lügt nicht. Er trägt die Wahrheit in sich. Und wenn wir lernen, ihm zuzuhören, führt er uns nicht zurück in den Schmerz – sondern hindurch. Und darüber hinaus.

Man kann sich das innere Erleben des Menschen wie einen Fluss vorstellen. Einen Energiefluss, der ständig in Bewegung ist. Kein gerader Strom, sondern eher eine Spirale – eine Unendlichkeitsschleife. Dieses Bild ist kein Dogma, sondern ein Gleichnis, eine Annäherung. Es beschreibt etwas, das schwer in Worte zu fassen ist, aber intuitiv verstanden werden kann.
Dieser Fluss bewegt sich durch Zyklen. Große Zyklen und kleine Zyklen. Alte, tief verwurzelte Themen bilden große Kreisläufe – manchmal über Generationen hinweg, manchmal sogar über das hinaus, was man als ein einzelnes Leben begreift. Ahnenlinien können solche großen Zyklen tragen. Tiefe Verletzungen ebenfalls. Daneben existieren die kleinen Zyklen des Alltags: Wir belügen andere und werden belogen. Wir verlassen und werden verlassen. Solche Muster begegnen uns so lange, bis wir erkennen, dass sie uns nicht dienen.
Diese Schleifen bleiben aktiv, solange keine Bewusstwerdung stattfindet. Deshalb sprechen viele Traditionen vom „karmischen Zyklus“. Nicht als Strafe, sondern als Lernbewegung. Es geht nicht darum, sich von „Bösem“ zu befreien oder moralisch besser zu werden. Es geht darum, Erfahrungen zu machen, die uns lehren, mit bestimmten Situationen umgehen zu können, die wir früher nicht halten konnten.
Der Weg geht weiter – aber nur so weit, wie wir bereit sind zu gehen.
Eine Erfahrung, die ich selbst machen durfte, hat mir das sehr deutlich gezeigt: Wenn zu viele innere Inhalte auf einmal an die Oberfläche kommen, kann das überwältigend sein. Nicht durch äußere Meinungen, sondern durch innere Erfahrungen. In meinem Fall – und das sage ich offen – war ein Auslöser Cannabis. Dadurch brachen Inhalte auf, für die ich damals keine innere Stabilität hatte. Es fühlte sich an, als würden mehrere alte Ebenen gleichzeitig sichtbar werden. Ob man das als frühere Leben, kollektive Erinnerungen oder tiefe unbewusste Schichten versteht, ist zweitrangig. Entscheidend war die Wirkung: Es hat mich über Jahre hinweg an meine Grenzen gebracht.
Diese Zeit war extrem herausfordernd, teilweise die Hölle. Und doch war sie nicht sinnlos. Erst durch schamanische Arbeit und bewusste Integration konnte ich mich Stück für Stück daraus lösen. Ich durfte diese Anteile wieder aufnehmen – und genau darin lag die Heilung. Nicht im Wegdrücken, sondern im Annehmen.
Wenn man sich diese inneren Zyklen anschaut, wird klar: Wir müssen uns ihnen stellen. Denn wenn unser innerster Kern – unser Bewusstsein, unser Unterbewusstsein, unser Geist – Mitschöpfer unserer Realität ist, dann manifestieren wir immer wieder genau die Erfahrungen, die gesehen werden wollen. Nicht aus Bosheit, sondern aus innerer Logik.
Bewusstsein und Unterbewusstsein stehen in direkter Beziehung. Unterbewusst bedeutet nicht „nicht existent“, sondern „noch nicht erkannt“. Sobald wir mit Bewusstsein ins Dunkle schauen, beginnt etwas sich zu verändern. Das ist es, was viele meinen, wenn sie sagen: Schau nach innen. Nicht als Floskel, sondern als tatsächlichen Prozess der Erleuchtung – im wörtlichen Sinn: Etwas, das vorher im Dunkeln lag, wird beleuchtet.
So funktioniert dieses innere Spiel. Nicht durch Kampf, sondern durch Hinwendung.
Deshalb bin ich überzeugt: Der innere Weg ist der einzige Weg, der diese Welt wirklich heilen kann. Nicht als Rückzug aus der Welt, sondern als Fundament für eine andere Art, in der Welt zu sein. Doch dieser Weg erfordert Bereitschaft. Und genau daran scheitert es oft.
Ohne diese Bereitschaft drehen wir uns weiter im äußeren Drama – auch politisch, gesellschaftlich, global. Brot und Spiele, Ablenkung, Polarisierung. Ein großes Spiel, das uns vom Wesentlichen fernhält. Die Frage ist dann nicht, wer recht hat, sondern: Wer gewinnt?
Gewinnt die Unwissenheit – das Unbewusste, das Verdrängte? Oder gewinnt das Licht – nicht als moralische Überlegenheit, sondern als Bewusstheit?
Das Yin-und-Yang-Symbol bringt das sehr schön auf den Punkt. Schwarz und Weiß, Gegensätze, Polarität. Doch entscheidend ist nicht einer der Pole, sondern die Mitte. Die Schwingungslinie zwischen beiden. Dort, wo ein Thema nicht mehr zieht, nicht mehr triggert, nicht mehr zwingt. Man könnte es Ausgleich nennen. Oder Integration. Oder Neutralität im besten Sinne: innerer Frieden.
Vielleicht ist „Zentrierung“ ein gutes Wort dafür. Oder „innere Kohärenz“. Ein Zustand, in dem Energie frei fließt, weil nichts mehr abgespalten werden muss.
Und genau dort endet der karmische Zyklus – nicht, weil er bekämpft wurde, sondern weil er verstanden, gehalten und integriert wurde
Anhang:
Um eine Sache klar zu sagen, da es gerade in der New Age Bewegung oftmals so dargestellt wird das wir alle Licht und Liebe sind. Merke dir folgendes:
Es gibt kein Licht ohne Schatten und kein Schatten ohne Licht.
Die Mitte daraus ist keins von beidem oder in einem.
All-Eins
Einheit geschieht nicht durch das einseitige verschieben von zwei Polen. Es geht um den Augleich beider Pole.
Das Erleben kippt von Polarität in Präsenz.




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